B’reschit beziehungsweise Im Anfang

Freude am Wort Gottes: B´reschit beziehungsweise Im Anfang.


Eine jüdische Stimme

Kurzfassung

Im Judentum stellt die Torah den Kern von Gottes Offenbarung am Sinai dar. Der Text der Fünf Bücher Mose ist in 54 Abschnitte eingeteilt, so dass jede Woche etwa drei bis fünf Kapitel gelesen werden (an manchen Schabbatot auch ein Doppelabschnitt). Ihren Titel beziehen diese Wochenabschnitte von einem markanten Wort im Anfangsvers dieser Lesung, das auch dem jeweiligen Schabbat seinen Namen gibt. Einmal im Jahr wird die gesamte Torah durchgelesen und dabei kein Vers, kein Wort, kein Buchstabe beim Vortrag ausgelassen – so unbequem oder bedeutungslos uns auch manche Geschichte erscheinen mag. Das zwingt dazu, sich auch mit schwierigen Texten auseinanderzusetzen.

Jedes Jahr im Herbst feiern Jüdinnen und Juden das Fest der Torahfreude, Simchat Torah. Dann endet der jährliche Lesezyklus der Torah und beginnt sogleich wieder aufs Neue. Dieser Gottesdienst wird in der Synagoge in großer Fröhlichkeit gefeiert: Alle Torahrollen werden aus dem Aron Hakodesch geholt und in sieben Prozessionen durch die Synagoge getragen. Man trägt den letzten Abschnitt aus Deut 33-34 vor und fängt dann gleich wieder mit dem ersten Kapitel Gen 1 an: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“.

– Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg


Langfassung

„Das ist die Torah, die Moses den Kindern Israel vorlegte, auf Geheiß Gottes durch Moses. “

„Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten; wer sie ergreift, ist glücklich.“

Diese Verse werden am Ende der Torahlesung im Gottesdienst gesungen, während die Torahrolle emporgehoben und ihr Text den Anwesenden gezeigt wird. Danach wird sie festlich in einen bestickten Samtmantel eingekleidet, mit einem Schild und einer Krone oder Aufsätzen aus Silber, an denen kleine Glöckchen klingen, geschmückt. Anschließend wird die Torahrolle feierlich durch die Synagoge getragen, bevor sie wieder zurück in den Aron Hakodesch, die Heilige Lade, zurückgestellt wird. Diese prunkvolle Prozession ist ein Ausdruck der Ehrerbietung für die Torah, also die Fünf Bücher Mose, die den Kern der Offenbarung am Sinai darstellen. In Hochachtung vor dem überlieferten Text und seiner Bedeutung für die vielen Generationen vor uns haben die Torahrollen noch immer die traditionelle Gestalt antiker Bücher: Der Text wird von speziellen Schreibern mit Feder und Tinte auf Pergamente geschrieben, die wiederum zu einer langen, ca. 25 m langen Bahn zusammengenäht und zwischen zwei Holzstangen befestigt werden. Nur eine solch handgeschriebene Torahrolle gilt als koscher und geeignet für den Vortrag im Gottesdienst.

Die Fünf Bücher Mose sind in 54 Abschnitte eingeteilt, sodass jede Woche ein bestimmter Abschnitt, der etwa drei bis fünf Kapitel enthält, gelesen wird (an manchen Schabbatot auch ein Doppelabschnitt). Ihren Titel beziehen diese Wochenabschnitte von einem markanten Wort im Anfangsvers dieser Lesung, das dann auch dem jeweiligen Schabbat seinen Namen gibt. Diese Bezeichnung eines Torahabschnitts ist Jüdinnen und Juden oft vertrauter als die Nummerierung nach Kapiteln und Versen. Der Vortrag des Textes erfolgt in der Regel auf Hebräisch, wobei die Worte in festgelegter, jahrhundertealter Kantillation gesungen werden. Dazu werden einzelne Gemeindemitglieder auf die Bimah gerufen, wo sie die Lesung mit Segenssprüchen eröffnen und beschließen. Die übrigen Anwesenden verfolgen die Lesung in Buchausgaben, die häufig auch Übersetzungen in die Landessprache enthalten.

Andere Teile des Tenach, der Hebräischen Bibel, werden nicht in dieser systematischen Weise vorgetragen. Jedem Schabbat ist ein Text aus den Prophetenbüchern zugeordnet, der auf ein Thema des Torahabschnitts Bezug nimmt. Einzelnen Feiertagen sind Megillot, also Lesungen der Bücher Hohelied, Ruth, Klagelieder, Jonah, Prediger und Esther zugeordnet. Die Psalmen sind fester Bestandteil des persönlichen und des Gemeindegebets.

Wenn einmal im Jahr die gesamte Torah durchgelesen wird, wird kein Vers, kein Wort, kein Buchstabe ausgelassen – so unbequem oder bedeutungslos uns auch manche Geschichte erscheinen mag. Man muss sich also auch mit Texten konfrontieren, die sonst nicht unsere erste Wahl wären. Das jährlich wiederholte Lesen der Torah wirkt sich natürlich auch auf die Auslegung der Torah aus – alles steht in einem Zusammenhang und es lassen sich immer neue Verweise erkennen. Ein Merkmal jüdischer Bibellektüre ist das Heranziehen einer Vielzahl von Kommentaren. Mit Beginn des Buchdrucks wurde es üblich, den biblischen Text mit Auslegungen verschiedener Rabbiner zu rahmen, die die einzelnen Verse kommentierten und teilweise auch auf die Erklärungen anderer Bezug nahmen. So kontrovers die Auslegungen auch sein mochten – sie blieben nebeneinander stehen und auf diese Weise bewahrt. Man konnte seinen eigenen Kommentar dazuschreiben, nicht aber den anderer auslöschen. Es gibt im Judentum kein Gremium, das über die Akzeptanz einer Schriftauslegung entscheidet – das erfolgt eher durch Zeitgeschmack und Resonanz der Hörer*innen und Leser*innen.

Jedes Jahr im Herbst feiern Jüdinnen und Juden das Fest der Torahfreude, Simchat Torah. Dann endet der jährliche Lesezyklus der Torah und beginnt sogleich wieder aufs Neue. Dieser Gottesdienst wird in der Synagoge in großer Fröhlichkeit gefeiert: Alle Torahrollen werden aus dem Aron Hakodesch geholt und in sieben Prozessionen durch die Synagoge getragen. Die Gemeindemitglieder wechseln sich im Tragen ab, tanzen und singen dabei, es gibt Bonbonregen für Kinder und Erwachsene. Man trägt den letzten Abschnitt aus Deut 33-34 vor und fängt dann gleich wieder mit dem ersten Kapitel Gen 1 an: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Möglichst alle Erwachsenen werden zur Torahlesung aufgerufen, auch die Kinder erhalten eine eigene Alijah und versammeln sich dazu unter einem als Baldachin gehaltenen Tallit. Wir feiern, dass es keine Unterbrechung im Hören und Studieren der Torah gibt und wir ihnen von Jahr zu Jahr neu begegnen. Denn obwohl die Texte gleich bleiben, treten wir ihnen verändert gegenüber und entnehmen ihnen neue Bedeutungen.

In dieser wiederkehrenden, zyklischen Lektüre hinaus spiegelt sich jüdisches Selbstverständnis: Der erste Vers der Torah handelt von der Erschaffung der Welt, also einem Ereignis universaler Bedeutung. Das letzte Wort der Torah in Deut 34, 12 lautet „Israel“.  Wenn wir die Torah lesen, fokussiert sich unser Interesse wie das Zoomen einer Kamera: Von der Schöpfung, dem allgemeinen Geschick der Erde und der Völker der Welt näher hin zur Erzählung von der Entstehung des Volkes Israel – wie aus dem Familienverband von Abraham und Sarah ein ganzes Volk erwuchs, mit einer besonderen Geschichte, einer spezifischen Offenbarung, eigenen Gesetzen und Bräuchen in Gottesdienst und Zusammenleben. Beim Hören und Lesen der Torah nehmen wir Anteil an den Sorgen und Freuden der Patriarchen und der Matriarchen, gehen mit den Kindern Israel in die Sklaverei Ägyptens, ziehen von dort heraus, geführt durch Gottes starken Arm und durch Zeichen und Wunder, stehen am Sinai und wandern vierzig Jahre durch die Wüste.

All diese Ereignisse entfalten sich vor uns in großer Unmittelbarkeit, und durch Schriftauslegung versuchen wir zu verstehen, was sie für unser heutiges Leben bedeuten. Was genau meint Moses, wenn er in seinen Abschiedsreden des Buches Deuteronomium (5. Buch Mose) mahnt, die Gebote und Vorschriften, die Lehre Gottes zu befolgen und ihren Weg nicht zu verlassen? Und während wir mit Moses am Jordan stehen und in das Verheißene Land hinüberschauen, an der Schwelle zur Gestaltung des gemeinsamen Lebens in nationaler Souveränität – ausgerechnet dann beginnen wir unsere Lektüre von vorn: Nochmals zurück zum Anfang! Bedenke, wer der wahre Souverän dieser Welt ist, wem diese Erde gehört und dass alle Menschen Kinder Gottes sind! Im Ebenbild Gottes wurde jede/r Einzelne erschaffen und das verpflichtet uns, im Gegenüber dieses Antlitz zu suchen und in Geschwisterlichkeit miteinander umzugehen. Dieses Zooming-In und Zooming-Out, die Veränderung unseres Blickwinkels, stellt unsere eigene Existenz immer wieder in den Kontext der ganzen von Gott erschaffenen Welt.

– Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg


#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst

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